Artikel
    Veröffentlicht: 16.08.2019
    HBU

    Ein Auto in Caro und ein Blitzer in Cannes


    Wie ein Wahlostfriese aus Carolinensiel plötzlich zu einem Knöllchen aus Frankreich kam
    Alles echt: Thomas Krämer-Engemann links und Helmut Burlager vergleichen in der Redaktion die beiden Bußgeldbescheide aus Frankreich. Beide haben die aufwendig gestalteten drei verschiedenen Formulare erhalten. Der eine zu Recht, der andere zu Unrecht.   ©OLIVER OELKE
    Alles echt: Thomas Krämer-Engemann links und Helmut Burlager vergleichen in der Redaktion die beiden Bußgeldbescheide aus Frankreich. Beide haben die aufwendig gestalteten drei verschiedenen Formulare erhalten. Der eine zu Recht, der andere zu Unrecht.   ©OLIVER OELKE
    CAROLINENSIEL
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    Falsche Polizisten, falsche Stromableser, falsche Erbonkel, falsches Gold, falsche Mahnungen – die Möglichkeiten, Opfer von Betrügern zu werden, sind unerschöpflich. Als Thomas Krämer-Engemann jüngst einen Brief aus dem Briefkasten zog, war sein erster Gedanke: Sieht aus wie ein Bußgeldbescheid aus Frankreich. Sein zweiter Gedanke war: Das kann gar nicht sein. Der mit Aufdrucken und Stempeln übersäte Umschlag ließ ihn sofort an Betrug denken.


    Als er das Kuvert geöffnet hatte, sah er, dass es wirklich eine Zahlungsaufforderung war. Er sei am 16. Juli in Cagnes-sur-Mer an der Côte d‘Azur zu schnell gefahren. Nur: Thomas Krämer-Engemann, Redakteur im Ruhestand, seit drei Jahren mit seiner Frau Elke in Carolinensiel ansässig, war gar nicht in Frankreich gewesen.


    Da Recherchieren sein Beruf ist, machte der 68-Jährige sich sofort daran herauszufinden, was es mit dem ominösen Brief auf sich haben könnte. Und ja, ungefähr so wie das Schreiben, das er bekommen hatte, sehen französische Bußgeldbescheide aus, fand er im Internet heraus.


    Andererseits: Enthielt das angebliche Amtsschreiben, edel auf drei verschiedenfarbigen Bögen gedruckt, nicht doch ein paar Merkwürdigkeiten zu viel? Auf Deutsch formuliert, aber mit kleinen Grammatikfehlern? Die ominösen Zahlungsanweisungen mit Bezahlung per Smartphone und QR-Code? Der Hinweis auf staatlich autorisierte französische Tabakläden, wo man sein Bußgeld ebenfalls bezahlen könne?


    Thomas Krämer-Engemann wandte sich telefonisch an die Wittmunder Polizei. Die hatten von so etwas auch noch nie gehört; man riet ihm, das Schreiben einfach in den Papierkorb zu werfen. Allerdings, so meinte der Beamte: Da habe doch gerade diese Glosse im Jeverschen Wochenblatt gestanden, das „Und außerdem“ auf Seite 1. Darin sei es um solch einen Bußgeldbescheid gegangen …


    Krämer-Engemann rief in der Redaktion an. „Haben Sie so einen Bescheid tatsächlich bekommen? Und sind Sie wirklich in Frankreich gewesen? Ist das kein Fake?“ „Nein“, bestätigte ihm der Verfasser der Glosse, „das ist kein Fake. Ich war in Frankreich und ich bin wohl zu schnell gefahren.“ Am nächsten Tag ein Treffen, um die Bescheide zu vergleichen, und in der Tat: Kein Unterschied in den Details, nur dieser: Der eine, der Wochenblatt-Redakteur, war im Juli im Urlaub durch das Nachbarland gefahren und auf der A 9 in den Süden offenbar ein bisschen zu flott unterwegs. Der andere, Thomas Krämer-Engemann, ehemaliger Redakteur bei drei Zeitungen im Rhein-Main-Gebiet, war in Ostfriesland, als sein Auto, ein Opel mit Wittmunder Kennzeichen, zwischen Nizza und Cannes geblitzt worden sein soll.


    „Ich weiß nicht mehr genau, was ich an dem Tag gemacht habe, nur dass ich in der fraglichen Zeit in Carolinensiel gewesen bin“, erzählt Krämer-Engemann, indes: „Wie soll ich das beweisen?“ Und was steckte dahinter? Wenn schon kein Betrug, dann vielleicht eine Verwechslung? Oder, das hatte man ja auch schon mal gehört, fuhr da jemand mit gefälschten Kennzeichen durch die Gegend?


    Hatte gar jemand das Auto unbemerkt entführt und für eine Spritztour nach Südfrankreich benutzt? „Nein, unmöglich“, sagte sich Thomas Krämer-Engemann. „Das Auto stand ja die ganze Zeit vorm Haus.“ Nach dem Gespräch in der Redaktion wandte der Fahrzeughalter sich ans Kraftfahrtbundesamt in Flensburg, denn – so mutmaßte er – irgendwie hätten die französischen Behörden sich ja den Namen des Halters besorgen müssen. Und so kam er der Lösung näher: Ja, beschied ihm dort eine freundliche Abteilungsleiterin, das sei so, aber es kämen schon mal Übermittlungsfehler vor. Er möge sich doch direkt mit der Bußgeldstelle in Frankreich in Verbindung setzen. Als Thomas Krämer-Engemann die französische Telefonnummer gewählt hatte, war er überrascht über den tollen Service. Die Ansage auf Französisch, Englisch, Niederländisch und Deutsch bot einen Kontakt in der jeweiligen Sprache an, eine Deutsch sprechende Mitarbeiterin nahm die Nachfrage freundlich entgegen, nach zehn Minuten hatte sie die Angelegenheit geklärt: Es handele sich um einen bedauerlichen Lesefehler. Man werde ihm, sagte sie entschuldigend, schriftlich Bescheid geben, dass der Bußgeldbescheid aufgehoben sei.


    So hat sich die ganze Sache am Ende in Wohlgefallen aufgelöst: kein Betrug, kein Kennzeichenmissbrauch, keine Autoentführung, kein Behördenversagen. Nur ein kleines Versehen.


    Als Journalist hätte Thomas Krämer-Engemann jetzt gesagt: „Das Thema hab ich totrecherchiert. Darüber lohnt sich nicht zu schreiben.“