Artikel
    Veröffentlicht: 08.10.2019
    Von MANFRED GEBHARDS

    Fritz Levy: Reicher Sohn, Verfolgter und „Stabsdirektor“


    Manfred Gebhards lebte zeitweise mit Jevers letztem Juden unter einem Dach
     Bis heute gibt er sogar den Menschen Rätsel auf, die ihn persönlich kannten: Fritz Levy.   ©HORST  GODAU
    Bis heute gibt er sogar den Menschen Rätsel auf, die ihn persönlich kannten: Fritz Levy.   ©HORST GODAU
    JEVER
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    Fritz Levy lebt, nicht richtig, aber sein Geist schwebt immer noch in den Köpfen derer, die mit ihm zu tun hatten. Das liegt an seinen spektakulären Aktionen, aber auch daran, dass wir bis heute nicht recht wissen, von welchem Holz er war. Für mich, der zwei Jahre bei ihm gewohnt hat, blieb er lange rätselhaft, wie eine Kuckucksuhr mit fünf verschiedenen Zeigern und Mondphasenrad.


    Eckhard Harjes hat nun ein Buch über diesen Geist geschrieben und nennt es „Erzählung“.


    Das ist es auch, gut gemacht mit vielen Neuigkeiten, aber vieles ist nicht belegbar. Auch der Film „Fritz lebt“ von Elke Baur beruht nach meiner heutigen Ansicht weitgehend auf Angaben, die von Fritz selbst stammen. Wie tickte er, was waren seine Motive? War er ein verhinderter Philosoph? War er ein Spinner? Ein zugrunde gerichtetes Opfer der Nazizeit? Ein Künstler?


    Das Erste, was ich über Fritz Levy hörte, kam von Oswald Andrae: „Fritz hat die Straße blau angestrichen und ist verhaftet worden! Hund, Pinsel, Farbe und Eimer sind auch verhaftet worden“. Das hörte sich interessant an! Mangels nachweisbarer Gemeingefährlichkeit sei eine Stunde später alles wieder frei gelassen worden. Ich erfuhr dann auch, dass Levy in China gewesen war. Das war aufregend!


    Ein Jahr mag vergangen sein, ich war auf Wohnungssuche in Jever, da traf ich einen älteren Herrn in der Bücherei. Das war Levy. Bei ihm war noch ein Zimmer frei. Sein Haus war pastellfarben angestrichen, in vielen bunten Tönen, genannt: „Villa Kunterbunt“. Beim Betreten des Domizils verlor sich der Zauber, es roch nach kaltem Zigarrenrauch, Hund, alten Socken und was nicht Alles. Ich dachte mir, da könne man wohl eben nach Besen und Feudel greifen, dann sieht das schon anders aus.


    Aber schon bald hatte Fritz alles wieder zugemüllt. Nun ja, er war mal Viehhändler und da gehts nicht zu, wie in einem Parfümladen. Ich komme aus der Landwirtschaft. In meiner Kindheit wurden auch wohl mal eine Treckerbatterie oder ein paar kranke Ferkel im kalten Winter in die Küche geholt, damit sie sich aufwärmten. Und Fritz hatte schwere Zeiten hinter sich und war alt.


    Andererseits war er ein Spaßvogel. Sein Briefkopf sah sehr originell aus: „Fritz Levy, Schlosser- (Weh dem Volk, dem die Wahrheit nicht mehr heilig ist) - straße 33, Amateurviehlosoph, Stabsdirektor, Berufsverbrecher etc.“ Eines Tages machte er einen makaberen Witz. Er sagte, Erich Levy ist gar kein Volljude, der hat ja ein Holzbein. Das erlaubte er sich.


    Leute auf der Straße begrüßte er mit „Heil Hitler!“ und erklärte mal, er würde „Heil Tippler“ sagen. Ein Tippler sei eine Kuh, die nicht richtig laufen könne. Einst rief jemand bei ihm an. Fritz hielt mir den Hörer hin. Der Anrufer fragte: „Fritz bist du schwul?“ Fritz antwortete in gespieltem Entzücken und heller Stimme: „Jaha, wir treffen uns bei Neumond unterm Pflaumenbaum!“. Dann legte er den Hörer auf. Das fand ich schlagfertig, und er schien unempfindlich zu sein: „Dafür hab ich keine Zeit, malle Fenten, cést la vie.“ Eine Antwort in drei Sprachen. So redete auch Quasimode in: „Der Glöckner von Notredame“. War er Trilinguist?


    Seine Hunde nannte er Blacky und Reddy, sie waren schwarz und rotbraun. Er sagte des Öfteren: „Take it easy“ und rief „Heureka!“ die Schlosserstraße hinauf. Zweites war griechisch, Archimedes soll es gerufen haben, als ihm ein schwerer physikalischer Beweis gelungen war. Und er berichtete von China: Die Chinesen benutzten beim Radfahren einen Bambusstock, damit dirigierten sie sich ins Gleichgewicht. Einen Stock kann man auch „Stab“ nennen, und den nahm Fritz bei Radfahren. Also war er Stabsdirektor. Einst behauptete er, als General hätte er keinen Krieg verloren. Das fand ich arrogant. Doch er erklärte: „Weil ich einen Krieg gar nicht erst angefangen hätte“. Da hatte er wiederum Recht. So machte Fritz einen heruntergekommenen aber auch gebildeten Eindruck.


    Eines Tages kam H. H. zu ihm. Der galt an der Schule als Nazi. Als er wieder weg war, sagte ich zu Fritz: „Das ist ein Nazi!“. Doch Fritz kanzelte mich ab: „Der Junge ist in Ordnung!“. Jahre später las ich im „Stern“: H. verurteilt wegen Zeigen des Hitlergrußes. Ich dachte damals, vielleicht wollte Fritz nicht vorschnell urteilen. Und er war alt und hatte viel mitgemacht. Monate später bekam ich Zweifel, ob er er nur vorsichtig urteilte. Etwa sieben Leute aus meinem Freundeskreis waren zu Besuch. Da platzte Fritz zur Tür herein und sprach laut: „Kinner, Sieg Heil, ich bin Levy!“ Damit unterbrach er alle laufenden Gespräche.


    Dann sprach er Barbara an, zunächst freundlich: „Darf ich eine Frage stellen? Was heißt, man kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen?“ Barbara meinte, das sei richtig. Damit war sie bei Fritz durch den „Test“ gefallen. Fritz brüllte aufgebracht: „Doch, es gibt ja Doppelhochzeiten!“ Ich war auch schon durch diesen „Test“ gefallen, und noch andere. Wenn dann noch Jemand antwortete: „Das ist nicht so gemeint“, geriet er erst richtig in Rage: „Es zählt nicht, wie etwas gemeint ist, das ist Nazigerede, man muss bei der Wahrheit bleiben!“. Ich habe später noch öfter über diesen „Test“ nachgedacht, aber nie verstanden, was das sollte. Auch warum Fritz diesem „Test“ so eine Bedeutung zumaß.


    Dann legte er sich noch mit Horst an, und bald verließen meine Gäste und auch Fritz den Raum, einige blieben. Da kam Fritz erneut ins Zimmer. Seine Stimmung hatte sich in Sekunden um 180 Grad gedreht. Er warf uns Bananen zu, entschuldigte seine Impulsivität und freute sich und lachte. Dabei stolperte ins Sofa, lachte noch mehr und warf die Beine in die Luft. Wir mussten lachen, doch eine klamme Stimmung kehrte bald zurück und die Gäste wurden immer weniger.


    Meine Freundin brachte mir einst das Buch: „Anatomie der Destruktivität“ von der Uni Oldenburg mit, eine umfangreiche Analyse des Charakters der Nazioberen. Ich wollte es Fritz zeigen, doch der kanzelte mich ab mit den Worten: „Das ist Quatsch en gros, der Mensch ist nicht destruktiv!“. Doch der Autor Erich Fromm, ein Jude, behauptet das gar nicht, sondern zeigt nur, wie Destruktivität entstehen kann.


    Bei Fritz landeten häufiger mal Gestalten, die zu Hause rausgeflogen waren oder Ehekrach hatten. Mit diesen gab es Kabbeleien bis hin zu Handgreiflichkeiten und Gerichtsprozessen. Fritz wäre besser mit meinen Leuten bedient gewesen, die waren Kriegsdienstverweigerer, viele aus dem etablierten Bürgertum, durchaus interessiert an seinem Schicksal. Des Öfteren ging ich mit Fritz zur Polizei. Es gab lautes Gerede, mal warf Fritz sich auf den Boden wie das erboste Rumpelstilzchen und brüllte: „Mea culpa, mea maxima culpa!“ Das ist Latein: Ich bin schuld, ich habe größte Schuld!


    Das Alles könnte man als Folge eines Traumas deuten, doch irgendwann gingen meine Gedanken in eine andere Richtung: Fritz war nur drei Monate im KZ. Er hatte sagenhaftes Glück, er kam wieder frei. Dann floh er nach Holland, fuhr gleich darauf aber wieder zurück. Total rätselhaft. Er schien die Gefahr nicht zu begreifen. Ich habe auch eine andere Überlebende des Holocaust besucht. Die hatte sehr viel mehr mitgemacht, aber sie machte einen völlig normalen Eindruck. Ihre Küche war aufgeräumt, sie erfasste, was man fragte und gab passende Antworten. Andere hatten in Amerika Fuß gefasst oder sogar eine kleine Karriere geschafft. SPD-Leute und Gewerkschafter gingen nach langer Haft in die Politik, schrieben dicke Bücher, und kämpften für eine Zukunft, in der sich die Schrecken der Diktatur nie wiederholen sollten.


    Ich hörte auch von Leuten, die liberal und links eingestellt waren, Fritz war immer so, wie er jetzt war. Ich meine, Oswald Andrae habe mal gesagt, Fritz hatte Narrenfreiheit. Und Eckhard Harjes schreibt über die damalige Zeit: Er provozierte gern. Und Hartmut Peters sagte mir: Fritz hatte damals bei vielen, auch bei Juden, Hausverbot. Nur, weshalb und was bedeutet das?


    Fritz Levys Schicksal ist ganz untypisch. In seiner wohlhabenden Familie gab es ungesunde Spannungen und Schicksalsschläge. Aus Fritz sollte etwas Besonderes werden, er kam zum Gymnasium, doch das war nichts für ihn, er scheiterte schon in der sechsten Klasse. Als Sohn reicher Eltern wurde er zum eitlen Narziss. In Gaststätten ließ er mit Vaters Geld die Puppen tanzen. Fritz sagte mal, er sei Hans Dampf in allen Gassen gewesen und hatte Frauen en gros. Sowas ist Prahlerei, nicht verboten, aber sagt etwas über seinen Charakter.


    Diese Gedanken drängten sich mir auf, sie gefielen mir nicht, zu dumm auch, dass es grade einen Juden traf. Doch sie erklärten viel: Die Levys hatten Hauspersonal. Fritz brauchte nicht aufzuräumen. Und er lernte keinen Beruf. So läuft es oft bei reichen Leuten. Das erklärt auch, warum er im Ausland nicht zurecht kam. Er hatte nicht gelernt, sein Geld mühsam zu verdienen. Seine wirklichen Neigungen mögen auf der Strecke geblieben sein, weil die Eltern zu sehr mit dem Geschäft zu tun hatten.


    Einige Zeiger der Kuckucksuhr waren nun geklärt. Eines ist schon mal amtlich, mindestens einer drehte rückwärts: Fritz fuhr nach Deutschland zurück, als er schon in Holland war. Er gab laut Eckhard Harjes’ Buch Altnazis großzügig Persilscheine hatte aber Krach mit den Pazifisten.


    Wie schön wäre es gewesen, bei dem alten Mann in einer WG zu wohnen und sich seine Geschichten aus China und Amerika anzuhören.


    Fritz Leben stand unter zwei unglücklichen Entwicklungen, der Familienkonstellation und der Naziverfolgung. Es ist ein buntes Füllhorn von Widersprüchen und Kuriositäten: Familiendrama, Absturz aus größter Höhe, Gefahr, Satire, große Politik. Man kann sein Schicksal nehmen, um sich mit Politik, Psychologie und Geschichte zu befassen oder auch alles kopfschüttelnd links liegen lassen.


    Fritz Levy (1901–1982) ist bekannt als „letzter jeverscher Jude“. Der Viehhändler war von den Nationalsozialisten verfolgt und vertrieben worden und überlebte den Krieg und den Holocaust in Shanghai. 1951 kehrt er über New York und Amsterdam nach Jever zurück. Dort erfuhr er, dass seine Angehörigen im Konzentrationslager Auschwitz ermordet worden waren. Levy forderte und erhielt sein Eigentum zurück und baute sich in seiner Heimatstadt eine neue Existenz auf. Aber er stieß auf Ablehnung – war er doch Zeuge und wusste um das Wirken vieler Jeveraner während des Dritten Reichs. Er engagierte sich stark für die jeversche Jugend und wurde 1981 in den jeverschen Rat gewählt. 1982 starb er durch Suizid.


    Manfred Gebhardsist Zeitzeuge für die 1970er-Jahre und kannte Fritz Levy persönlich. Der Autor hat mehrere Texte zum Leben Levys veröffentlicht.