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    Veröffentlicht: 06.11.2019
    AKL

    Sie flüchteten vor 30 Jahren aus der DDR nach Wittmund


    Marcus und Franziska Stief gehörten mit ihrer Familie zu den ersten Übersiedlern
    Vor 30 Jahren  waren sie im Harlinger zu sehen, wie sie eine Suppe löffelten. Jetzt haben sie sich vor zwei Tellern mit Salat fotografieren lassen: Marcus und Franziska Stief.    ©MARCUS STIEF
    Vor 30 Jahren waren sie im Harlinger zu sehen, wie sie eine Suppe löffelten. Jetzt haben sie sich vor zwei Tellern mit Salat fotografieren lassen: Marcus und Franziska Stief.   ©MARCUS STIEF
    WITTMUND/ZÜRICH
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    Manchmal reicht ein Foto – und alle Erinnerungen kommen zurück. So ist das auch bei Franziska und Marcus Stief. Für unsere Themenwoche „30 Jahre Mauerfall“ haben wir in alten Zeitungsbänden gestöbert. Dabei ist uns ein Foto von den beiden in die Hände gefallen. Marcus und Franziska Stief gehörten mit ihrer Familie zu den ersten DDR-Übersiedlern, die in der Wittmunder Kaserne untergebracht worden sind. Sie waren aus Sangerhausen geflüchtet.


    Das Foto erschien am Mittwoch, 1. November 1989, im Anzeiger für Harlingerland. Es zeigt die damals Acht- und Dreijährigen, wie sie eine Suppe, zubereitet von den Geschwader-Köchen, löffeln. Wir wollten wissen: Was ist aus den beiden geworden? Welche Erinnerungen haben sie an ihre Zeit in der Kaserne? Leben sie noch in Ostfriesland? Um die Geschwister zu finden, starteten wir einen Aufruf auf der Facebook-Seite des Anzeiger für Harlingerland. Da ahnten wir nicht, wie nah wir der Lösung waren. Schon nach 15 Minuten meldete sich Marcus’ und Franziskas Mutter Annerose. „Ich bin die Mama. Marcus und Franziska leben jetzt in der Schweiz. Genau wie ich. Ich werde beide informieren“, kommentierte sie.


    „Ich war total geschockt., als ich das Foto gesehen habe“, sagt Franziska Stief wenige Tage später am Telefon. Sie habe sich gedacht: „Oh mein Gott, ich bin alt. Das ist 30 Jahre her. Ich hatte eine Gänsehaut.“ Als die Stiefs nach Wittmund gekommen sind, war Franziska gerade drei Jahre geworden. „Ich habe von dem Ganzen nichts mitbekommen“, erklärt sie. Bei ihrem Bruder Marcus war das anders. „Ich hatte das Bild von uns beiden nicht mehr im Kopf“, sagt Marcus Stief. Beim Anblick seien wieder viele Erinnerungen gekommen. „Wir haben in Wittmund viele liebe Leute kennengelernt“, erzählt Marcus Stief. Wie lange sie bei der Bundeswehr untergebracht waren, können sie nicht sagen. Es müssen wenige Tage oder Wochen gewesen sein. Was Marcus Stief genau weiß: Er ging nur zwei Tage in die Grundschule in Wittmund. Wen er dort kennengelernt hat, wird er aber wohl nie vergessen: Keno Veith, inzwischen weit über die Goldene Linie hinaus als „De schwatte Ostfrees Jung“ bekannt. „Der war lieb, offen und hat mir alles gezeigt“, erinnert sich Marcus Stief. Die Familie wurde im Harlingerland sesshaft, fand hier ihre neue Heimat. Sie Stiefs zogen zunächst nach Altfunnixsiel und später ins Eigenheim nach Eggelingen. „Es gab nicht einen Moment, in dem wir uns unwohl gefühlt haben“, blickt die 33-jährige Franziska Stief auf ihre Kindheit in Ostfriesland zurück. Egal wo, sie seien überall herzlich aufgenommen worden. „Wir sind dafür bis heute unendlich dankbar.“