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    Veröffentlicht: 08.11.2019
    Von INGA MENNEN

    Wir haben nicht geplant, sondern gemacht


    Heinz G. Nowak war 1989 Kommodore des Geschwaders in Wittmund – Unterkünfte für Flüchtlinge hergerichtet
    Oberst a. D. Heinz G. Nowak war Kommodore des Jagdgeschwaders 71 Richthofen, als die Mauer fiel. Vielen Flüchtlingen gab er Unterkunft in der Wittmunder  Kaserne.  ©INGA MENNEN
    Oberst a. D. Heinz G. Nowak war Kommodore des Jagdgeschwaders 71 Richthofen, als die Mauer fiel. Vielen Flüchtlingen gab er Unterkunft in der Wittmunder Kaserne.  ©INGA MENNEN
    WITTMUND
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    „Wir hatten Pläne, falls es einen Angriff aus dem Osten gibt. Aber mit einer Öffnung der Mauer, damit hatte keiner gerechnet, dafür gab es kein Konzept, das wir aus der Schublade haben ziehen können“, sagt Heinz G. Nowak. Der heute 77-jährige Oberst a. D. war von 1989 bis 1993 Kommodore des Wittmunder Jagdgeschwaders 71 „Richthofen“. Und er hat besondere Erinnerungen an den Fall der Mauer am 9. November 1989 sowie an die Zeit, die danach kam und auch bei der Bundeswehr für Veränderungen sorgen sollte.


    „Ich war an dem Donnerstag auf dem Weg nach Neuburg an der Donau. Am folgenden Wochenende sollte dort ein Ball stattfinden. In der Unterkunft in der Kaserne gab es keine Fernseher, und an Handys war noch gar nicht zu denken“, erinnert sich Heinz G. Nowak. Erst am Freitag, 10. November, erfuhr er von der Grenzöffnung. Er fühlte sich in Neuburg fehl am Platze, denn sein Gefühl sagte ihm: „Da wird Großes auf uns als Bundeswehr und Luftwaffe zukommen.“ Schließlich habe man damals auch nicht gewusst, wie die Russen und die DDR reagieren würden. Auf der Rückfahrt sah er am Kirchheimer Dreieck Trabi-Kolonnen auf der A 14 Richtung Westen fahren. Noch heute erinnert er sich an die blauen Qualmwolken der Zweitakter.


    In Wittmund angekommen, ließ der damalige Kommodore keine Zeit verstreichen, vor allem wollte er nicht abwarten, bis seine vorgesetzte Führungsebene endlich Entscheidungen fällen würde. Erste Ankömmlinge aus Prag hatte die Luftwaffe in Wittmund bereits aufgenommen. Aber Nowak wusste, da werden jetzt viele Menschen aus dem Osten kommen. Mit seinem Kommandoteam setzte er sich sofort zusammen. „Unsere Führungsebene war von den ganzen Geschehnissen völlig überrascht, und es setzte ein langwieriger Planungsprozess ein“, sagt der Wittmunder. „Meinen Kommandeuren und mir war klar, dass kurzfristig große Unterkunftsmöglichkeiten gefunden werden mussten. Eine Bestandsaufnahme für die Wittmunder Kaserne ergab dann sehr schnell, dass wir Kapazitäten freimachen konnten“, erinnert sich Heinz G. Nowak. „Wir haben nicht geplant, sondern gemacht.“


    Zusammen mit der Standortverwaltung, dem Kreis, der Stadt, dem DRK, der Diakonie und anderen wurden innerhalb kürzester Zeit Gemeinschaftsräume, Zimmer für Kinder und Waschräume hergerichtet. Auch Spielzeug gab es für die Neuankömmlinge. Als alles fertig war, haben die Wittmunder das gemeldet. Innerhalb kürzester Zeit wurden Umsiedler busweise in die Kaserne gebracht. Erst kamen die Ostdeutschen, später auch die Russlanddeutschen. In einem halben Jahr, so schätzt Nowak, sind 1500 Personen durch die Kaserne gegangen.


    Die Führungsebene verlangte, dass die Unterkünfte noch einmal extra gesichert werden. „Diese Menschen waren jahrelang eingesperrt, und nun sollte ich ihnen das Gefühl wieder vermitteln? Das wollte ich nicht“, so Nowak. „Ich habe niemanden gefragt, ob ich etwas tun oder lassen sollte, und es hätte mich den Posten als Kommodore (oder auch mehr) kosten können. Aber die höheren Kommandobehörden waren wohl zu beschäftigt mit dem Problem, sodass man uns in Ruhe machen ließ“, sagt der Oberst a. D.. Erst drei Wochen später kam „von oben“ die Frage, ob man Aussiedler in der Kaserne in Wittmund aufnehmen könnte.


    „Einige der Ankömmlinge fanden schnell Arbeit und reisten weiter“, erklärt Heinz G. Nowak, der sich an eine Begebenheit besonders gerne erinnert. Zehn Jahre nach dem Mauerfall kam er ins Wittmunder Krankenhaus. An seinem Bett stand eine Schwester und lächelte ihn an: „Wie schön, dass ich Ihnen jetzt mal helfen kann, so wie Sie mir vor zehn Jahren geholfen haben“, sagte sie.


    „Die Öffnung der Mauer war für mich der Beginn eines Prozesses, den man vertrauensbildende Maßnahmen nennen könnte. Durch die Öffnung der Mauer war es auch uns Soldaten möglich, ohne lange Genehmigungsprozeduren in die DDR zu reisen“, erklärt Nowak. Und so kam er auf die Idee, Verbindung mit einem Geschwader aufzunehmen, das dem in Wittmund glich – von der Anzahl der Beschäftigten, 2000, und der der Flugzeuge her. Seine Wahl fiel auf das Jagdfliegergeschwader 9 „Heinrich Rau“ in Peenemünde.


    „Am 1. April 1990 habe ich mich dann mit meiner Frau auf den Weg gemacht nach Peenemünde auf die Insel Usedom“, erzählt Nowak. Kurz vor Abreise ging er noch schnell in sein Büro, um nach Post zu sehen. Ihm fiel ein grauer Umschlag in die Hand – das war Zufall. Eine Gruppe junger Offiziere aus Peenemünde hatte sich unbekannterweise an den Geschwaderkommandeur in Wittmund gewandt mit der Bitte um Kontaktaufnahme. „Das war sehr mutig von den Männern, denn bis dahin war Post an mich abgefangen worden“, erklärt Nowak.


    Er fuhr los, klingelte bei dem jungen Offizier an der Privattür. „Der guckte mich ganz entsetzt an, er hatte Angst, er würde wegen des Briefes verhaftet werden“, schildert der ehemalige Kommodore die Situation. Mit den Verfassern des Briefes entwickelte sich eine bis heute anhaltende Freundschaft, wenngleich keiner von ihnen bei der Bundeswehr geblieben ist. Gleich nach Wiedervereinigung wurd der Standort Peenemünde aufgegeben. Zuvor wurden aber gegenseitige Besuche vereinbart. Treffen dieser Art wurden auch von vielen anderen Kommandeuren organisiert, ohne dass es ihnen befohlen wurde. Diese „vertrauensbildenden Maßnahmen“ machten die Wiedervereinigung ohne Schusswechsel erst möglich, ist sich Heinz G. Nowak sicher. Dazu zählt er auch den Hilfskonvoi über den Jahreswechsel 1990/1991 nach Moskau und Odinzowo.


    Am 3. Oktober feierten die Wittmunder in Schönebeck bei Magdeburg die Wiedervereinigung. Auch das Geschwader hatte sich mit einem Bus, einem Marketenderfahrzeug und einer Feldküche beteiligt. „Obwohl eigentlich verboten, waren wir in blauer Uniform dabei statt des Kampfanzuges“, schildert Nowak. Das Jever-Pils war ziemlich schnell weg und der Andrang vor der hochmodernen gasbetriebenen Feldküche der Wittmunder um den mexikanischen Feuertopf und die Erbsensuppe war deutlich größer als vor der qualmenden kohlebetriebenen Feldküche der Nationalen Volksarmee.


    Nach der Grenzöffnung sei für die Bundeswehr keineswegs das Feindbild gestorben. „Den Ost-West-Konflikt gab es immer noch und wir verstehen uns auch heute noch als wichtigen Teil der Nato“, erklärt Nowak. Die Grenze habe sich verschoben, vor allem seit Polen und die baltischen Staaten, Litauen, Estland und Lettland, ebenfalls in der Nato aufgenommen wurden.


    Die Offiziere aus Peenemünde sind in zivile Berufe gewechselt. Einer wurde Direktor einer Versicherung, der nächste Zahnarzt und ein Bekannter Nowaks gründete ein Bauunternehmen, das sich darauf spezialisierte, die alten Bauten vor allem an der Ostsee zu renovieren. Jährliche Besuche folgten – es gab viele Segeltörns auf der Ostsee. Und so erinnert sich Heinz G. Nowak gern an den einen Satz: „Du hast doch alle Segelscheine. Können wir uns nicht einmal ein Boot chartern und auf die Ostsee fahren? Früher durften wir ja noch nicht einmal mit einer Luftmatratze aufs Wasser“.